Wembley Arena, London/England, 5. November 2004
Suki, Saskia und ich saßen panisch in der U-Bahn und hofften, irgendwoher noch Karten für das Konzert zu bekommen. Wir waren ziemlich spät dran und halb am durchdrehen, als die Metropolitan Line nicht an der Haltestelle "Wembley Park" hielt, sondern durchfuhr bis North Harrow. Doch dort bekamen wir zum Glück sofort eine Bahn zurück zum Wembley Park. So weit, so gut. Jetzt brauchten wir nurnoch Karten. Glückstag, denn bereits wenige hundert Meter nach der Ubahn-Haltestelle winkte uns ein Herr mit drei Sitztickets, die wir ihm, wenn gleich die Tix ein "wenig" überteuert waren, dankbar abkauften. An der Halle angekommen waren wir erst mal platt - 11.000 Placebofans!

Wir stellten uns natürlich erst mal in die falsche Schlange, was aber eigentlich nicht weiter schlimm war, da wir ja feste Sitzplätze hatten, außerdem hatte es sich gelohnt, da wir (wie Suki, Saskia und ich eindeutig beschlossen hatten) einen der hübschesten Typen dieses Planeten gesehen haben (nein, nicht Molks :P). Als wir endlich in der Halle waren, fanden wir recht schnell unsere Sitzplätze (gute Sicht, linke Seite, nähe der Bühne)... also, da wir noch Zeit hatten, raus - zurück zum Merchandise-Stand, der uns zu guter Letzt auch noch das letzte bisschen Geld aus der Tasche zog. Aber was tut man nicht alles für Placebo?

Als wir wieder auf unsere Plätze kamen, spielte bereits die zweite Vorband. Eine Art Hiphop-Guildo-Horn-Verschnitt. Meiner Meinung nach grottenschlecht! Aber na ja... nun wurde umgebaut und das Licht ging aus. Die Menge raste, als die ersten Töne von "Taste in Men" erklangen und schließlich Steve in einem weißen Muskelshirt auf die Bühne gelaufen kam, sich hinter die Drums setzte und anfing zu spielen. Was für ein Anblick! Rechts und links von der Bühne hingen zwei große Screens, die Steve noch größer zeigten. Wahnsinn!

Ich war ziemlich froh, dass sie mit "Taste in Men" begannen, das bedeutete, nicht die selbe langweilige Playlist wie sonst immer... Zu der Zeit konnte ich ja noch nicht annähernd ahnen, wie viele Überraschungen folgen sollten. Nun kam Brian Molko auf die Bühne und kurze Zeit später auch der Gott mit dem Bass - alles jubelte, klatschte und sang mit. Es folgte "The Bitter End" was live jedes Mal wieder ein Erlebnis ist.

Bei Every You Every Me schmissen alle Fans, die eine Rubberduck hatten, diese auf die Bühne und Brian grinste und meinte, dass die Fans das tatsächlich ernst genommen hatten und er die Enten gleichmäßig unter den Bandmitgliedern aufteilen würde und sie dann zusammen ein Bad nehmen würden. Als danach die ersten Töne von "Protect Me From What I Want" erklangen, wollte ich schon mitgröhlen, doch Brian fing auf französisch an, sang also das Lied "Protege Moi" - wunderschön!


Es folgten Lieder wie Black Eyed und Special Needs und dann English Summer Rain. Am Ende von ESR sang Brian einen kompletten Text, etwas völlig anderes, es hätte ein ganz anderes Lied sein können und ich war einfach nurnoch sprachlos, es war die beste Version von ESR die ich je gehört hatte. Nach ESR scherzte Brian wieder mit den Fans, irgendwann (ich weiss nicht mehr genau wann) rief ein Mädchen etwas als die Menge ziemlich still war und Brian hielt seine Hand ans Ohr und meinte "Excuse me?" und dann tippte er auf sein Handgelenk (auf seine imaginäre Uhr) und meinte "Later Honey, I'm off to work now" und alles lachte.

Bei irgendeinem Lied, ging Brian zu Stef und legte ihm die Hände auf die Brust... ich war so sprachlos *g*

Dann fing er an mit so etwas ähnlichem wie "this song's never been played live before" und ich dachte so "OOOH NEIN"... aber doch :/ "I do". Irgendwie kam es mir (und auch einer Freundin die ich später fragte) so vor, als wäre keiner wirklich begeistert gewesen. Die Menge blieb ziemlich still - und wie Brian bei dem Text mit dem Hintern wackelte :S aber na ja auch "I do" ging vorbei, das einzige schöne war, als Brian auf die Menge zeigte und sang "I wanna fall in love with every single one of you". Danach spielten sie "This Picture", "Special K" (bei dem Stef wieder wunderbar tanzte und klatschte) und "Slave To The Wage".

Schließlich meinte Brian, dass sie letzte Woche ein altes Lied rausgekramt und umgeschrieben hätten, praktisch ein REMAKE und er hoffe, dass es uns gefallen würde und wir es erkennen könnten und ich dachte nur "wenn er jetzt ‚Nancy Boy' verunstaltet hat, schlag ich ihn tot" aber er begann eine langsame und wunderschöne Version von "36 degrees" zu spielen, die einem einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte. Brians Stimme kam mir da besonders schön und klar vor. Jedesmal beim Gitarrenwechsel hoffte ich auf die rote Fender und auf "Nancy Boy" aber vergeblich. Nach "Pure Morning" folgte "20 years" was wunderschön war... das Ende zogen sie instrumental sehr in die Länge, man bekam Gänsehaut! Brian filmte während dem Lied mit einer Kamera die Menge und die anderen auf der Bühne.

Nach "20 years" verließen Placebo kurz die Bühne und als sie wiederkamen, trug Brian kein schwarzes Shirt mehr, sondern ein weißes Hemd und fing an zu sprechen, er sagte etwas wie "It is a very great honor to have him here tonight. Please welcome the only man, who's allowed to wear more make up than me - PLEASE WELCOME ROBERT SMITH!" und dann kam er tatsächlich, ganz in schwarz, mit seiner irren Frisur und einem so schüchternen Lächeln, dass man ihn am liebsten geknuddelt hätte. Der "The Cure"-Frontmann sah aus, als hätte er sich am liebsten hinter dem nächsten Verstärker versteckt, oder noch besser: aus dem Staub gemacht *g*.

Zusammen stimmten Brian und Robert das einmalige "Without You I'm Nothing" an. Es war großartig, denn Roberts Stimme passte wirklich perfekt zu dem Song. Dann schnallte er sich eine Gitarre um, und ich dachte vor Glück platzen zu müssen, als die ersten Töne von dem The Cure-Stück "Boys don't cry" erklangen. Was für ein Song... es gibt ja inzwischen viele Versionen, aber das war eindeutig die beste, die ich je gehört habe. Brians Stimme in einem The Cure Lied...wahnsinn! Nach dem Lied wurde das Piano aufgestellt und Robert verließ unter tosendem Applaus die Bühne.

Irgendwann bedankte sich Brian bei den Fans, dass sie all die Mühe auf sich genommen hatten, und aus ganz Europa angereist kamen, nur um Placebo spielen zu sehen und er versprach uns, dass die Veröffentlichung der "Once More With Feeling" nur der Anfang sei! Gott sei dank!

Ich dachte (wegen des Pianos bzw. Keyboards) jetzt käme Centrefolds, doch die nächste Überraschung folgte: Die wunderschönen Piano-Version von "Teenage Angst". Bei der Zeile "I'm still not satisfied" streckte Brian die Hände aus und fragte "Are you satisfied?" und alles gröhlte.

Ich wurde ganz nervös. Placebo waren schon so lange auf der Bühne und immer noch kein "Nancy Boy". Doch dann - das letzte Lied - die rote Fender - tatsächlich - "NANCY BOY". Die Menge rastete völlig aus, egal welches Konzert, ich habe noch nie eine so aufgekratzte, tobende, kreischende und tanzende Menge gesehen, wie bei diesem Lied in dieser Arena! Ich hatte Tränen in den Augen und bei "greatest FUCK I ever had" gröhlte jeder mit. Und das allerschönste daran war: Selbst Brian schien wirklich Spaß daran zu haben, es zu spielen! WAHNSINN... das ist etwas was ich niemals vergessen werde!

Nach "Nancy Boy" das leider viel zu schnell vorbei war, kamen die drei nach vorne, hielten sich an den Händen, umarmten sich und bedankten sich überschwänglich bei den Fans, bevor sie endgültig die Bühne verließen.

Das Licht ging an und man fand sich in der harten Realität wieder, die bedeutete: Kein Placebo bis 2006! Wie soll ich das nur aushalten?
Autor und © endlessly