| Wembley Arena, London/England, 5. November 2004 |
Man nimmt einen ganz normalen Linienflug nach London und ein großer Teil der wartenden Passagiere sieht nicht so aus, wie man es von Flugreisenden üblicherweise erwartet. Sondern ein wenig anders. Schwarz gekleidet zumeist, mit blassen, mitunter geschminkten Gesichtern und sehr schwarz gefärbten Haaren.
Auf Taschen, T-Shirts, Jacken usw. steht in großen Lettern "PLACEBO".
Ich sehe nicht so aus und amüsiere mich ob dieser, so offensichtlich nach außen getragenen Sympathiebekundungen, köstlich.
Dessen ungeachtet haben wir alle dasselbe Ziel. Zusammen mit rund 11000 anderen werden wir am Abend die Wembley Arena füllen um die letzte Placebo-Show bis zum Jahre 2006 zu sehen.
Ich habe meine Tickets sofort an dem Tag gekauft, an dem (der mailing list sei Dank) der Konzerttermin bekannt gegeben wurde. Trotzdem waren die Innenraum-Tickets bereits ausverkauft. Das ist ärgerlich, aber die Plätze, die ich bekommen habe, sind noch in Ordnung denke ich.
Ich bin in der glücklichen Situation, Freunde in London zu haben, bei denen man erstens übernachten kann und die zweitens auch Placebo-Fans sind. So kann man zwei angenehme Dinge miteinander verbinden.
Die Tube in Richtung Wembley Park ist voll und inzwischen bin ich auch dunkler gekleidet, als am Vormittag. (Man will ja nicht unangenehm auffallen !)
Apropos auffallen. Ich habe noch n i e so viele wirklich merkwürdig gekleidete Leute gesehen, wie auf dem Weg zur Wembley Arena.
Außerhalb der Faschingssaison, meine ich.
Mädchen in Moulin-Rouge Corsagen ( wobei die eine oder andere sich aus Gewichtsgründen vielleicht für ein anderes Outfit hätte entscheiden sollen ), Mädchen mit Schmetterlingsflügeln auf den Schultern ( really weird !), Jungs mit viel zu viel Make Up. Ich war schon auf etlichen Placebo-Konzerten und das Publikum bei uns in Berlin hat auch schon durchaus interessante Bekleidungsideen. Aber London spielt da offensichtlich in einer anderen Liga.
Vor der Halle stehen alle paar Meter Männer, die lauthals Karten anbieten. Mein Freund Liet und ich überlegen, unsere Karten gegen einen entsprechenden Obolus gegen bessere Plätze einzutauschen. Natürlich ( war ja klar) gibt es auch noch Innenraum-Karten, allerdings sind wir nicht bereit, dafür fünfzig Pfund auszugeben, zumal es für wesentlich weniger Geld durchaus sehr gute Plätze gibt. Wir beschließen, noch ein wenig zu warten ( habe ich erwähnt, dass wir an den Supporting Acts nicht sonderlich interessiert sind? ) und finden kurz vor 21.00 h jemanden, der unsere Karten gegen bessere Plätze eintauscht und dafür nur zehn Pfund nimmt. Damit können wir leben.
In der Halle ist es ziemlich voll. Und chaotisch. Merchandising Stände an jeder Ecke, alle dicht umlagert von Leuten, die offensichtlich ohne Placebo-Devotionalien nicht leben können. Ich finde das Preis-Leistungsverhältnis nicht gerade ausgewogen und kaufe nichts. Kann aber auch daran liegen, dass das einzige T-Shirt, das mir gefällt, ausverkauft ist. Murphy's Law.
Sehr gemischtes Publikum. Alle Altersklassen. Zuerst glaube ich, dass einige der Älteren wohl ihre minderjährigen Kinder begleiten, aber das scheint offensichtlich nicht so zu sein, bis auf Einzelfälle. Ermutigend, das heißt ja wohl, dass man mit zunehmenden Alter nicht unbedingt unter schlechtem Musikgeschmack leiden muss. Da bleibt ja noch Hoffnung.
Alle paar Minuten gibt es jetzt Durchsagen, dass Placebo in ein paar Minuten die Bühne betreten werden. Liet und ich machen uns auf den Weg zu unseren Plätzen. Wir stellen fest, dass es eine gute Idee war, die zehn Pfund zu investieren und die Plätze zu tauschen. Wir sitzen rechts oberhalb der Bühne, ca. am Ende des vorderen Drittels der Halle. Völlig in Ordnung.
(Erste Reihe Innenraum wäre besser, aber siehe oben. Trotzdem kann ich mich eines gewissen Neidgefühls nicht erwehren. Stand bisher immer ziemlich weit vorn.)
Die Bühne wird rechts und links von zwei großen Screens flankiert, auf die wir auch einen guten Blick haben. Im Hintergrund hängt ein durchsichtiger weißer Plastikvorhang, wie er schon auf der "Sleeping With Ghosts"-Tour benutzt wurde. Vor fünf Minuten kam die letzte Durchsage, dass Placebo in wenigen Minuten die Bühne betreten werden. Die Halle ist inzwischen ziemlich voll, man sieht nur noch wenige leere Plätze. Bin aufgeregt. Was Liet offensichtlich amüsant findet.
Es wird dunkel in der Halle. Wer sagt, dass nur die Deutschen pünktlich sind? Zum Intro von "Taste In Men" laufen große Schriftzüge "PLACEBO" über die Screens. Steve (in weißem, ärmellosen Shirt) kommt als erster auf die Bühne und beginnt zu trommeln. Ihm folgt kurz darauf Brian (schwarz gekleidet) und das Publikum reagiert enthusiastisch. Stefan lässt sich noch ein wenig Zeit. Was nicht wirklich viel ausmacht, denn Brian beherrscht das Geschehen auf der Bühne von der ersten Sekunde an. Man will ihm sicherlich nicht unterstellen, dass er seine Bandkollegen absichtlich zu Statisten degradiert, aber genau das ist der Effekt, der eintritt. Seine Bühnenpräsens raubt einem den Atem, ich bin jedes Mal auf's Neue fasziniert.
Und nicht die Einzige, der es so geht, nehme ich an. Auf "Taste In Men" folgen "The Bitter End" und "Every You And Eyery Me". Anschließend kündigt Brian an, dass sie für die französischen Fans "Protège Moi" spielen werden. Die Massen sind begeistert. Ich auch, ich finde nämlich diese Version richtig sexy. Irgendwann zwischen den nächsten Songs sagt Brian, dass sie eine Singles-Compilation rausgebracht haben und an diesem Abend nur Singles spielen werden, was bei einigen im Publikum eher gemischt aufgenommen wird. Aber Brian sagt: ".....but - Ladies and Gentlemen - I promise, this is
o n l y t h e b e g i n n i n g !"
Meine Güte, der Mann weiß sich zu inszenieren !
Nach "Englisch Summer Rain", dem Brian durch Scratching-Einlagen ein wenig mehr Biss verleiht, kommt er zur Vorstellung von " I Do". Er sagt, dass sie diesen Song bisher nie live gespielt haben und sehr gespannt auf die Reaktionen des Publikums sind. Nun, das Publikum ist ebenfalls gespannt. Ich kenne " I Do" bisher nicht, habe nur den Text irgendwo gelesen, den ich richtig hinreißend finde, weil er so völlig "unlike - Placebo" ist. Wer hätte gedacht, dass sie jemals einen Song schreiben könnten, in dem es heißt "... I wanna be a girl like you, the way you swing your hips in jeans…." ?
(Wer möchte sich da nicht angesprochen fühlen ?)
Sie spielen ihre Hits und sie sind wirklich gut drauf. Nach "Slave To The Wage" sagt Brian, dass sie einen Song, den sie schon vor zehn Jahren geschrieben haben, komplett umgeschrieben haben und sehr glücklich mit dieser Version sind. Und dass sie natürlich hoffen, dass ihre Fans diese Version genauso mögen, wie sie selbst. Worauf alle natürlich auf "Nancy Boy" tippen, zumindest entnehme ich das den Reaktionen der Leute um mich herum. Ist es aber nicht, sondern "36 Degrees". Sie haben das Tempo rausgenommen, es erinnert etwas an die Piano-Version von "Teenage Angst". Tolle Version, great job !
Inzwischen warten alle gespannt darauf, wer wohl Special Guest sein wird. Denn dass es einen geben wird, ist klar. Die meisten rechnen wohl mit Frank Black oder vielleicht David Bowie (ich übrigens auch). Aber dann - " Ladies and Gentlemen, please welcome the only person who is allowed to wear more make up than I do - Mr. Robert Smith !" ( Ein wenig Selbstironie kann ja nicht schaden.) Ich hätte nie gedacht, dass ich Robert Smith mal live sehe. Gutes altes Rock- Monster ! Sie spielen gemeinsam "Without You I'm Nothing". Unnötig zu erwähnen, dass mir dieser Song jedes Mal das Wasser in die Augen treibt. Was schon zu ziemlich peinlichen Situationen geführt hat.
Und dann beweisen Placebo, dass sie momentan einfach d i e Coverkings sind. Sie können covern was sie wollen, es wird einfach großartig. Irgend ein Musikjournalist hat neulich mal gesagt, die Pixies scheinen "Where Is My Mind" nur geschrieben zu haben, damit Placebo es covern können. Das gilt auch für "Boys Don't Cry". Das Publikum hat genauso viel Spaß an dieser Version wie die Jungs auf der Bühne.
Sie sind jetzt schon bei den Zugaben. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut und keine Ahnung, wie lange sie schon spielen. Habe aber das unangenehme Gefühl, dass es bald vorbei sein könnte. Und richtig, nach "Teenage Angst" kommen sie zum letzten Song dieses Abends und es ist, wie nicht anders zu erwarten, "Nancy Boy". Das Publikum ist völlig außer Rand und Band, denn dieses Lied war ja seit Jahren auf keiner Setlist zu finden.
Ich kann nicht glauben, dass es schon vorbei sein soll. Aber doch. Die Jungs treten nach vorn, Brian die Hand auf dem Herzen, und nehmen die Huldigungen des Publikums entgegen. Sie sind gerührt. Oder geben es zumindest vor, zu sein. Ich gehe aber mal davon aus, dass sie es wirklich sind. 11000 Menschen, die ihnen buchstäblich zu Füßen liegen. Da kann man doch gar nicht anders.
Das Licht geht an und ich spüre, wie mich eine Welle des Bedauerns überrollt.
Um es vorsichtig zu formulieren.
2006. Kann mir jemand sagen, was ich bis dahin machen soll ? Aber es ist wahrscheinlich richtig: Dinge, die ständig verfügbar sind, weiß man nicht wirklich zu schätzen.
Also macht's gut Jungs, genießt die freie Zeit, schreibt tolle neue Songs !
Man sieht sich. Spätestens 2006.
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| Autor und © by Dannie |
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